Interview mit Liv Kristine von 

Leaves' Eyes


MCR: Hallo Liv, zunächst vielen Dank, dass ich dieses Interview mit Dir führen kann. In wenigen Tagen erscheint Euer sechstes Studioalbum „King Of Kings“. Ihr erzählt hier die tausend Jahre alte Legende von Harald Halvdansson, dem ersten König Norwegens. Was hat Dich und die Band inspiriert, dieses Thema jetzt aufzugreifen und für Euer Album musikalisch und textlich umzusetzen?  

Liv:  Lieber Rainer, es freut mich sehr, wieder mit Dir sprechen zu dürfen. Die Freude ist meinerseits! Unser neues Album, King of Kings, ist Harald Schönhaar gewidmet, mit 12 Kapiteln über sein Leben. Es sind 12 Kompositionen mit dem Sound eines bombastischen Soundtracks. Zur Geschichte: Ich bin am Hafrsfjord bei Stavanger, Norwegen, geboren und aufgewachsen. Geschichte, auch die Wikingersagen und die nordische Mythologie, haben mich seit ich denken kann, immer interessiert. Es war Alex' Idee, das Album so zu nennen, denn diese konzeptuelle Idee besteht schon seit ein paar Jahren. Mittelalterliche skandinavische Geschichtsschreiber, von denen die meisten in Island am Werk waren, berichten von der berühmten Geschichte des ersten norwegischen Königs, Harald Schön-haar. Dieser Sohn eines Kleinkönigs, Halvdan Svarte, beschloss irgendwann um die Mitte des 9. Jahrhun-derts, sich durchzukämpfen, bis er alle kleinen König-reiche in dem als "Nor-vegr" ("Nordweg") bezeichne-ten Gebiet zu einem einzigen Reich vereinigt hätte. Als äußeres Zeichen dieses Vorsatzes, das auch mit einer Liebesgeschichte zu tun hat, gelobte er, sich Haupthaar und Bart nicht eher wieder zu schneiden, bis er seinen Plan durchgesetzt hätte. Dies dauerte zehn Jahren, bis er den letzten der anderen Kleinkönige unter-worfen hatte. Genau dieser entscheidende Kampf fand tatsächlich in Hafrsfjord statt, meinem Heimatort! Als er sich dann aber als erster König von ganz Norwegen Haar und Bart zurechtschneiden ließ, wurde er auf Grund seines nun offenbar deutlich verbesserten Aussehens Harald Schönhaar genannt. So wenigstens wurde die norwegische Reichseinigung von den mittelalterlichen Historiogra-phen gesehen, die sie selbst nicht mehr über die genaue zeitliche Einordnung dieses Vorgangs Be-scheid wussten und auch sonst einige Legenden mit lieferten. 

MCR: Mit „King Of Kings“ habt Ihr meiner Meinung ein Meisterwerk des geschaffen. Was habt Ihr empfunden, als Ihr das Album zum ersten Mal im endgültigen Mix gehört habt?  

Liv: Tausend Dank für Dein Kompliment. King of Kings ist ein Meilenstein in der Bandgeschichte von Leaves' Eyes und hat für mich persönlich auch eine ganz besondere Bedeutung. Wie oben bereits erwähnt, ich bin bei Hafrsfjord aufgewachsen. Dieser Ort ist für mich magisch. Das Album King of Kings hat auch eine starke persönliche und spirituelle Bedeutung für mich.  

Außerdem hat diese Produktion soundmäßig eine Größe und Breite, die alles übertrifft, was wir bis jetzt produziert haben. Der Druck war natürlich groß, klar, viel Planung und Vorarbeit, inklusive Videodreh und und und. Aber die Produktion ist schon mal abgeschlossen mit über 25 Einzelmixen und Versionen. Alex hat für einen Song wie z.B. "Blazing Waters" (das längste Stück auf dem Album) 350 Tonspuren gebraucht! Dafür gibt es zuerst einmal einen Submix und dann musste alles nochmal in den finalen Mix. Die Aufwand war gigantisch, einfach enorm, aber das hat sich gelohnt - unseren Fans und Freunden erwartet ein erstklassiges, gigantisches Hörerlebnis. Das ist ein Versprechen. Alex wird bis dahin (zumindest bis nach dem Videodreh) seinen Bart und Haare nicht schneiden, haha! Gut, dass es nicht 10 Jahre dauert, wie bei Harald Schōnhaar .

MCR: Ein Wort zu Deiner gesanglichen Leistung, Liv. In meinem Review zum Album schrieb ich u.a. „Liv Kristine schwingt sich mühelos in die höchsten Tonhöhen“. Hast zur Vorbereitung auf die Aufnahmen Gesangsunterricht genommen?  

Liv: Ich werde gleich rot Ich habe unheimlich viel Erfahrung und Wissen auf der Bühne und im Studio seit über 25 Jahren gesammelt. Auch Alex ist im Tonstudiobereich immer vorne. Er ist ein Perfektionist..und eine Nachteule! Er ist auch immer mit dabei, wenn es um den stimmlichen, optimalen Ausdruck im Gesang geht. Er, und natürlich auch die Musik, inspirieren mich immer dazu, neue Techniken auszuprobieren. Ich arbeite mit großer Freude und Elan an meiner Stimmmuskulatur und meinem Ausdruck. Ohne Gesangsunterricht, versteht sich. Das macht ein riesen Spaß! Ich singe mit Herz und Seele seit ich ein paar Jahre alt bin. Es ist eine wahre, angeborene Leidenschaft, und ich habe für mich Album für Album immer neue Ziele und Techniken entdeckt. Uns wird es nie, nie langweilig werden. Vor allem, durch meine eigenen Erfahrungen weiß ich, wie ich live Vollgas geben kann. 

MCR: Eine große Überraschung für die Fans ist sicherlich das Duett mit Simone Simons von Epica. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?  

Liv: Simone Simmons hat uns vor einiger Zeit im Mastersoundstudio besucht, um ihren Gesang für " Edge of Steel" aufzunehmen. Simone ist immer top und es war sehr schön, sie seit längerer Zeit wieder zu sehen. Wir wohnen nur eine Stunde voneinander entfernt. Mamis sind immer auf Achse! Wir ergänzen uns im Song ausgezeichnet. Zwei starke weibliche Klassik-Metal-Stimmen in einem Song - das macht Spaß 

MCR: Sehr positiv fiel mir auf, dass die Orchester-Passagen nicht von einer Sample-Bibliothek kommen sondern vom Belorussischen Symphonieorchester eingespielt wurden. Und die bombastischen Chorusse werden von den London Voices gesungen. Wie wichtig war es für, dass diese Passagen eben nicht aus der Konserve kommen?  

Liv: Alle Instrumente sind Studio eingespielt worden, um einen erdnahen und authentischen Klang zu bekommen. 

Alex: Unser Ziel war es natürlich tolle Songs zu schreiben, die nach vorne gehen und rocken. Gleichzeitig wollen wir die Zuhörer auf eine Reise mitnehmen und mit unserer Musik die Fans in eine andere und sagenumwobene Welt entführen. Gerade bei einem so epischen Wikinger Thema schreit es gerade zu danach mit einem großen Chor zu arbeiten und mit orchestraler Wucht sowie folkloristischen Naturinstrumenten die richtige Atmosphäre für ein großes musikalisches Werk zu erschaffen! Mit dem Klassik Ensemble aus Weißrussland hatten wir schon früher tolle Erfahrungen gemacht. Jetzt mit DEM legendären "London Voices" Chor, dem Chorensemble von Blockbustern wie "Herr Der Ringe", "Star Wars", "The Hobbit" oder "Harry Potter", zusammenzuarbeiten war natürlich etwas ganz, ganz Besonderes und ein absoluter Volltreffer! Die Aufnahmen in den renommierten Angel Studios in London waren großartig. 

MCR: Euer Video zu „The Waking Eye“ ist ganz große Klasse. Herrliche Landschaften, dazu der epische, bombastische Sound. Wie hat sich Euer Sohn Leon gefühlt, als er die Hauptrolle des jungen Königs Harald übernehmen durfte?  

Liv: Vielen Dank - das hat richtig Spass gemacht, in Deutschland und Norwegen zu drehen. Leon hat das wirklich toll gemacht - ich bin ganz gerührt! Prod. Rainer Zipp Fränzen's Team war erstklassig und haben Groß und Klein super in die Rollen eingeführt. Leon kennt auch viele, die am Set waren. Wir haben Leon und Rainer's Team einfach machen lassen, ohne uns zu sehr einzubringen. Ich weiß, dass Leon am liebsten selbständig arbeitet. Die Atmosphäre am Set war wunderbar, auch andere Kinder waren dabei. Die Armee sind Kämpfer aus der Værjaborg Sippe, die uns von Anfang an großartig unterstützt haben. Die Kampfszenen im Artwork sind treu und mit großmr Einsatz nachgespielt worden. In Sturm und Matsch! Die Værjaborgvikinger sind absolut authentisch und professionell. 

MCR: Habt Ihr in Norwegen an Originalschauplätzen gedreht?  

Liv: Wie bereits erwähnt, ja, das stimmt. Wir sind 400-500 Kilometer an der Westküste entlang gefahren und haben bei jedem Wetter gefilmt. Alles also ganz authentisch. 

MCR: Liv, Alex. Neben Leaves‘ Eyes seid Ihr auch noch anderweitig beschäftigt. Liv hat im letzten ihr nunmehr viertes Soloalbum veröffentlicht, war und ist gemeinsam mit Anneke van Giersbergen und Kari Rueslåtten als The Sirens auf Tour. Alex hat mit Atrocity 2013 seit längerem wieder ein reguläres Studioalbum veröffentlicht, und muss sich auch um sein Studio kümmern. Wie schafft Ihr das zeitlich miteinander zu koordinieren?  

Liv: Wir sind Weltmeister in Planen und haben wunderbare Unterstützung von unseren Familien in Deutschland und Norwegen. Dazu kommt noch, dass wir ein paar Meter vom Haus entfernt unser eigenes Mastersound Studio haben, mit zwei Regieräumem. Sprich, Alex, Tosso und ich arbeiten oft parallel. Aber viel zu tun gibt es immer, es ist immer spannend hier! Vor allem gibt es nach einer Produktion oder zu einer Tour viel Pressearbeit, das sehr, sehr wichtig ist, sei es Making-Of zum Album, Interviews oder News. Wir machen fast alles selbst. Ich bin sehr froh, dass wir von unserer Plattenfirma, AFM, in der Presse-Öffentlichkeitsarbeit solche tolle Unterstützung haben. 

MCR: Wie geht Ihr an das Songwriting heran? Sagt Ihr, jetzt schreibe ich Songs für Leaves‘ Eyes, jetzt für Atrocity und jetzt für Liv Kristine?  

Liv: Ganz genau, eins nach dem anderen. Album für Album. Oft wird in einem Regieraum aufgenommen, und gemischt in dem anderen. Hier ist sozusagen 24/7 Betrieb. Ich arbeite am liebsten ganz früh Morgens, Tosso am Nachmittag oder Abends, während Alex unsere verrückte Nachteule ist! Wenn eine Produktion abgeschlossen ist, machen wir uns Gedanken über die Nächste. 

MCR: Bei Deinen Auftritten mit The Sirens singst Du Songs aus der Zeit bei Theater Of Tragedy. Auf Deiner Solo-Herbst-Tour wird Raymond Rohonyi gemeinsam mit Dir auf der Bühne stehen. Ihr habt in dieser Zeit großartige Musik erschaffen, ich denke da vor allem an „Assembly“. Was bedeutet es für Dich, diese Songs jetzt wieder live auf der Bühne zu präsentieren?  

Liv: Das freut mich sehr zu hören. Ich spiele einige Songs schon seit einem Jahr live wenn ich auf der Bühne mit The Sirens stehe. Ich habe Raymond gesagt, dass mein Publikum sich sehr freuen würde (das spüre und sehe ich ja während den Solo/Sirens-Gigs), wenn wir diesen Spirit von Theatre of Tragedy am Leben halten könnten. Raymond und ich haben damals Anfang der 90er Jahre das Beauty and the Beast Konzept ins Leben gerufen, das hat vor uns keiner so umgesetzt. Mit Leaves' Eyes ist dies in meiner Kunst immer noch absolut präsent und ich schätze meine Zeit und Erfahrungen über 20 Jahre sehr. Ich freue mich riesig auf die Dezembershows. In den nächsten Tagen kommen mehr Dates dazu! 

MCR: Ich habe Euch in den letzten Jahren mehrfach live erleben dürfen, auf dem Metal Female Voices Fest in Belgien, beim Dames Of Darkness in England oder auch in mehreren Hamburger Clubs. Ihr habt auch vielen weiteren Tourneen und Festivals gespielt. An welchen Auftritt erinnert Ihr Euch besonders gern?  

Liv: Sämtliche der Gigs, die Du erwähnt hast waren großartig! Leaves' Eyes Headliner Show in Wacken, 2012, mit 20 Wikingern und unserem Schiff, das Solokonzert auf dem MFVF in Wieze, vorletztes Jahr und das Leaves' Eyes Jubiläumskonzert mit publikumsgewählter Setliste dazu gleich im Anschluss...WOW! Vergessen werde ich auch nie das Sirens Konzert als Support für Nightwish in Norwegen vor einem paar Wochen. Vor kurzem auch in Bolivien, La Paz, der höchste Stadt der Welt, zu spielen - Einfach unvergesslich! 

MCR: Vor allem auf kleineren Festivals oder bei Euren Club-Touren kann man Euch nach der Show noch am Merch antreffen. Welche Bedeutung hat für Euch der Kontakt mit Euren Fans?  

Liv:  Für mich sind die Metalfans die treusten Fans der Welt. Ich bin meinen Fans ewig dankbar. Viele folgen und unterstützen mich seit über 20 Jahren. So kann für mich ein Traum wahr werden, Familie und Musik miteinander zu verbinden. Ich singe seit ich ein paar Jahre alt war, sogar bevor ich sprechen konnte. Ich singe und bin Künstlerin mit Herz und Seele und bin mit diesen kräftigen Stimmbändern und einem Supergehör ausgestattet und ehrlich gesagt, gesegnet. Doro Pesch ist mein Vorbild - sie ist ein phantastischer Mensch und eine großartige, hartarbeitende Künstlerin! Sie hat immer betont, dass wir unseren Fans dankbar sein können und müssen. Sie hat absolut recht. 

MCR: Die Live-DVD „En Saga I Belgia“ war für mich der Auslöser zum Metal Female Voices Fest zu fahren. Inzwischen bin ich Stammgast und konnte u.a. Eure Show „Hymns Of A Decade“ miterleben. Diese wurde ja für eine weitere Live-DVD mitgeschnitten. Könnt Ihr schon verraten, wann das Warten der Fans auf diesen Silberling ein Ende haben wird.  

Liv: Wir haben alle Aufnahmen von diesem wunderbaren, unvergesslichen   Abend in Wieze da, jedoch gibt es Leute, die meinen, wir müssten dafür bezahlen, um unser eigenes Konzert auf DVD veröffentlichen zu dürfen. Das ist sehr, sehr schade. Aber wir bleiben dran - wir geben nicht auf.

MCR: Bei dieser Show gab es auch Gastauftritte von Zuberoa Aznárez (Diabulus in Musica) und Aylin Gimenez (Sirenia). In einem Interview sagte mir Marie Mac Leod (Rouyer) von Whyzdom, dass sie mit vielen Musikern gut befreundet ist. Wie ist das bei Dir? Hast Du freundschaftliche Kontakte zu Deinen Kolleginnen und Kollegen?  

Liv: Oja, auf jeden Fall! Doro, Tarja, Maite Itoiz, Anneke, Kari Rueslåtten, Simone, Christina, Zube, Simone sind alle wunderbare Frauen, wenn wir uns sehen gibt es immer große Freude, ein Sekt oder Bierchen oder lustige Dinge wie Karaoke und Austausch die besten Yogaübungen.  Inspirieren tut mich, neben Doro Pesch, schon seit einigen Jahren meine Freundin Maite Itoiz (Elfenthal) am allermeisten. Wir hatten vor einer Weile die Gelegenheit hier im Mastersound Studio Erfahrungen auszutauschen als sie aus Spanien auf Tournee in Deutschland war. Sie ist unglaublich - sie spielt so viele Instrumente und hat ein unglaublich großes musikalisches Wissen. Ich liebe ihre Stimme und persönliche Art. 

MCR: Mit wem würdest Du gern einmal gemeinsam auf der Bühne stehen? 

Liv: Mit allen Damen! Außerdem mit Ozzy, Kate Bush und Susanne Sundfør. 

MCR: Liv, was viele vielleicht nicht wissen, Du bist nicht nur eine hervorragende Sängerin. Nein, Du stehst auch mit Pinseln vor einer Staffelei und erschaffst kleine Kunstwerke auf Leinwand. Wie hast Du Deine Liebe zur Malerei entdeckt?  

Liv: Malen habe ich immer gerne gemacht, denn ich sehe Farben in und durch der Musik. Wenn ich Zeit habe, male ich sehr gerne um abzuschalten. Manche Gemälde Haben schon auf der anderen Seite der Welt eine schöne Wand gefunden - das freut mich sehr. Mein Großonkel, Frank Franzen, ist einer der bekanntesten Maler Norwegens. Leider weilt er nicht mehr unter uns, aber seine Bilder sind atemberaubend und ewig strahlend. 

MCR: Zum Abschluss nochmals vielen Dank für dieses Interview. Ich freue mich jetzt schon auf die beiden Shows, die ich in diesem Jahr noch erleben kann, in Hamburg und in Hameln.  

Liv: Tausend Dank - ich freue mich riesig, dich wieder zu sehen! 


Interview geführt von Rainer Kerber

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