BLIND GUARDIAN - Beyond the Red Mirror


Gregorianische Mönchsgesänge. Ein einsetzendes Orchester. Dann harte Riffs und starke Growls. Da braut sich etwas Monumentales zusammen. Das spürt man sofort. Und genau diesen eingeschlagenen Weg wird man während der kommenden rund 71 Minuten nicht mehr verlassen. Blind Guardian sind zurück. Und legen mit "Beyond The Red Mirror" ein Opus magnum hin, welches Meilensteine setzt, für all das, was da in diesem Jahr noch auf den Speed / Bombast Metal Fan zukommen wird.

Der Opener "The Ninth Wave" kleckert nicht, er klotzt. Das fängt bei der extralangen Spieldauer von 9:28 Minuten an und findet seine Fortsetzung im opulenten Arrangement und dem mystisch - verschlungenen Text, der nicht mit Metaphern geizt.

Die folgende Götterdämmerung legt in Sachen Härtegrad noch eine Schippe drauf. "Twilight of the Gods", welches zuvor bereits als Single ausgekoppelt wurde, glänzt unter anderem mit einem superben Solo von Gitarrist Andre Olbrich, der bis auf ein Stück an allen Songs als Komponist beteiligt war. Frederik Ehmke's Double Bass Drum versetzt potentielle Headbanger in einen wahren Rausch.

"Prophecies" schwankt inhaltlich zwischen positiven Momenten ("The king will come, world will come undone, he is the center of creation, the prophecy, it's a promise to us all") und deren eher pessimistischen ("But how could i know? I'm drowning, where do i belong, drown in shadows"), zeigt sich musikalisch aber kraftstrotzend und felsenfest.

"At the Edge of Time" fusst wiederum auf einem ungewöhnlich langen Text und majestätischen Riffs, lebt aber auch vom Orchester im Hintergrund, welches klingt, als untermale es eine Schlacht in einem monumentalen Hollywood Schinken mit 30.000 Statisten im Kriegsgetümmel.

Mit "Ashes of Eternity" packen die Krefelder wieder die Keule aus. Hier wird aus allen Rohren gefeuert was das Zeug hält. Das bedeutet auch, daß der Bombast hier zurückgefahren wird und auf traditionelle Art um die Wette gerockt wird.

Mit "Distant Memories" versteckt sich auf dem Digipack der Bonustrack im numerischen Mittelfeld des Albums, da es sich bei "Beyond The Red Mirror" jedoch um ein Konzeptalbum handelt, passt die Nummer schon in den Kontext des Werkes, selbst wenn zumindest das Intro dazu ein wenig ungewöhnlich (zumindest im Abgleich mit dem Rest der Langrille) daherkommt.

Auf einem solchen zwischen Mittelalter und Fantasy changierenden Album darf natürlich ein "The Holy Grail" betiteltes Epos nicht fehlen. Dieses liefern Blind Guardian mit dem siebten Track des Albums denn auch prompt ab. Unmißverständlich pumpt die Nummer alle vorhandene Energie in die Eingeweide. Ein Paradebeispiel für die Verbindung von Metal und Bombast.

"The Throne" schlägt vom Typus her in die gleiche Kerbe wie "The Ninth Wave" oder "Prophecies", glänzt also mit viel Text und ebenso verschwenderisch angerührter monumentaler Dramatik.

"Sacred Mind" kommt anfangs leicht doomig daher, könnte etwas sparsamer arrangiert auch aus dem Hause Black Sabbath stammen, nimmt schließlich aber ordentlich Fahrt auf und reiht sich dort ein, wo es mit seinen Speed Metal Attacken hingehört. Kleiner Schreck nebenbei: Bei dem häufig im Refrain benutzten Wörtchen "Xanadu" denkt der dann doch schon etwas betagtere Hörer mit Schrecken an einen Film und den dazugehörigen Soundtrack aus dem Jahre 1980 mit Olivia Newton John zurück. Doch keine Angst: Seicht, wie vor 35 Jahren, wird es hier niemals.

Das vorletzte Stück fällt schließlich doch aus dem Rahmen: Erstens ist es mit 3:03 Minuten das weitaus Kürzeste des Werkes, bewegen sich die anderen Songs doch alle zwischen knapp fünf und neuneinhalb Minuten. Zweitens ist es die einzige Ballade, dominiert von Klavierklängen und flankiert von einem Orchester Arrangement.

Mit "Grande Parade" entlassen Blind Guardian den Hörer in die Realität. Hier werden noch einmal sämtliche Trademarks von "Beyond the red Mirror" aufgefahren. Markige, bildhafte Worte, eine unter Hochspannung agierende Band, Chor und Orchester; kurzum alles, was dieses Album ausmacht.

Gibt es denn also überhaupt nichts auszusetzen an dieser Scheibe? Nunja, nicht nur mir, auch dem ein oder anderen Hörer erscheinen manche Gitarrenparts ein wenig schwammig produziert. Und hier und da könnten die Drums produktionstechnisch ein wenig mehr Bumms vertragen. Doch dies ist Jammern auf hohem Niveau, denn Blind Guardian orientieren sich auf dem neuen Album an ihrem Meisterwerk "Imaginations From The Other Side" aus den 1990er Jahren. Und das ist sicher nicht die schlechteste Referenz. 


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